Von Seelow nach Timbuktu

Vor mehreren Jahrhunderten war Timbuktu „die“ Karawanenmetropole oder das Handelszentrum zwischen Nordafrika und den südlicheren Gebieten. Heute hat die Stadt zwar noch etwa 50.000 Einwohner, aber bedeutend ist sie nicht mehr, höchstens für irische Limericks oder für diesen Text über zwei Brandenburger. Gemeint sind zwei Wiesenweihen, die im letzten Sommer bei Seelow brüteten und nun 300 km weiter südlich von Timbuktu leben. In Mali verbringen sie von Oktober bis März 6 Monate des Jahres. Mali ist mehr als 3-Mal so groß wie Deutschland, hat aber nur 12 Mill. Einwohner, die etwa 80-mal weniger verdienen als der Bundesbürger.

Am 12.07.2010 wurden bei Seelow die Wiesenweihen Hanna-Luisa und Klaus-Dieter beringt und besendert, so dass man jetzt ihre Aufenthaltsorte auf der Webseite www.weihenschutz.eu verfolgen kann. Dort sieht man eine Satellitenkarte vom 10.01.2011, die zeigt, dass zurzeit 7 der 12 in Europa besenderten Weihen in Mali leben. Die anderen 5 Weihen verteilen sich von West nach Ost über eine Distanz von 3.600 km, von Gambia im Westen über Senegal, Burkina Faso, Ghana, Niger bis hin zum Tschad im Osten. Sie leben südlich der Sahara und nördlich der Regengebiete im Gebiet der Sahelzone und der Savannen. Während sich die beiden Weihen in Brandenburg überwiegend von Mäusen ernährten, ist ihre Hauptnahrung in Afrika die Heuschrecke, deren Fleisch ja auch in Asien geschätzt wird.

Bis Mitte März werden die europäischen Wiesenweihen ihren Rückflug nach Norden antreten. Sie fliegen dann etwa 6000 Kilometer und treffen Mitte April in Deutschland – und hoffentlich auch wieder in Brandenburg - ein. Die Männchen kommen ein bis zwei Wochen früher als die Weibchen.

Ein Wiesenweihenpaar legt statistisch gesehen in seiner Lebenszeit etwa 28 Eier. Durch Nesträuber, vor allem Füchse und Wildschweine und durch landwirtschaftliche Maschinen werden etwa 80 % der Gelege vernichtet. Jeder 4. Vogel wird nicht flügge, und von den flugfähigen Jungvögeln erreicht nur jeder 4. Vogel die Geschlechtsreife, weil sie auf dem Zug entweder auf Malta, auf Sizilien und in anderen südeuropäischen Ländern abgeschossen werden oder aber auf andere Weise umkommen. Von 28 Eiern bleibt statistisch nur ein Vogel übrig oder ein Kind pro Elternpaar. Nur dann, wenn man die Reproduktionsrate von 28:1 auf 28:2 steigert, bleibt uns in Deutschland die Wiesenweihe erhalten, ein Vogel der unserer Landschaft einen besonderen ästhetischen Reiz verleiht.

Ohne Naturschützer und die Hilfe der Landwirte kann die Wiesenweihe diese Verlust nicht ausgleichen. Mehr Informationen zur Wiesenweihe, zum Zug dieser Greife und ihren Schutz, entnehmen Sie bitte der Internetseite des gemeinnützigen Vereins „Wiesenweihenschutz/Vogelschutz Nordostdeutschland e.V.“ (www.weihenschutz.eu).


Wo und wie verbringen die Weihen ihre Lebenszeit?

Die Satellitendaten zeigen, dass die Wiesenweihe 6 Monate in Afrika verbringt, 2 auf dem Zug von Süd nach Nord und zurück sowie 4 Monate in unseren Breiten. Die Männchen treffen etwa ein bis zwei Wochen vor den Weibchen ein, so dass es von Mitte April bis Mitte Mai dauert, bis alle Weihen ihre Reviere erreicht haben. Einen Monat später (Mitte Mai) beginnt die Eiablage. Nach 4 Wochen schlüpfend die Jungen, die in etwa 30 Tagen flugfähig sind. Weitere 2 Wochen werden sie noch von den Altvögeln betreut, bevor sich erst die „Alten“ und ein bis zwei Wochen später die „Jungen“ auf die Reise nach Afrika begeben, wo sie ihre europäische Hauptnahrung, nämlich Mäuse, gegen Heuschrecken eintauschen. Eidechsen, Eier von Singvögeln, Jungvögel, Lärchen. Piper usw. werden natürlich nicht verschmäht. In Afrika verbringen sie dann wieder den größten Teil ihres Vogeljahres. So gesehen ist die Wiesenweihe ein afrikanischer Vogel, der bei uns nur zu Gast ist.


Riesige Verluste

Eine Wiesenweihe kann eine Lebenszeit von 16 Jahren erreichen. Vielleicht liegt die Lebenserwartung adulter Greife, d. h. Vögeln, die die gefährliche Jugendphase bis zur Geschlechtsreife überstanden haben, bei 10 Jahren. Ein Weihenpaar – die Männchen sind relativ treu – könnte also 8 Jahre lang 4 Eier legen und damit auf 32 Eier und 32 Nachkommen kommen. Leider stimmt diese Rechnung nicht. Nester werden von Wildschweinen, Füchsen, Mähdreschern – um nur die schlimmsten Feinde zu nennen – zerstört, so das nur 20 %, also etwa 6 Eier übrig bleiben. Eins der 6 Jungen schafft es nicht bis zum Ausfliegen und 4 der 5 Jungvögel werden schon in den ersten Jahren mit Drähten kollidieren, abgeschossen, vor Erschöpfung ins Meer fallen usw.. Bei diesen schlechten Bedingungen kann statistisch gesehen nur ein Vogel für Nachkommen sorgen, was offenkundig nicht geht bzw. nicht ausreicht, um die Art zu erhalten.

Wenn wir es deshalb durch Einzäunen der Nester in Absprache mit den Landwirten schaffen, nicht 5, sondern 10 Jungvögel zum Ausfliegen zu bringen, kann die Art  erhalten werden. Das ist das Ziel unserer Anstrengungen.


Aus dem Oderbruch nach Afrika

(Artikel aus der Märkischen Oderzeitung vom 17.09.2010 von Steffen Göttmann)

Bad Freienwalde (sg)

Während sich Hanna-Luise bei hochsommerlichen Temperaturen in Kalabrien (Italien) von ihrer langen Reise erholt, genießt Klaus-Dieter bereits die Sonne in Mauretanien. Hanna-Luise und Klaus-Dieter heißen die beiden Wiesenweihen, die Vogelschützer im Mai im Oderbruch mit Sendern versehen haben, um ihre Flugrouten in den Süden verfolgen zu können.

Für den Bad Freienwalder Geschäftsmann Detlef Malchow, die im Frühjahr den Verein Wiesenweihenschutz/Vogelschutz Nordostdeutschland gegründet hat, sind diese Forschungsergebnisse schon ein Erfolg. Denn der Hobby-Ornithologe war selber dabei, als die Tiere beringt und mit einem Sender versehen wurden.

Die kleinen Raubvögel sind selten geworden in Brandenburg. Probleme bereitet ihnen ihr Nistverhalten. Sie brüten am Boden mitten in bewirtschafteten Feldern, beispielweise in Luzerne. Die jungen Wiesenweihen fallen häufig dem Mähdrescher zum Opfer, weil das Schlüpfen der Jungen und die Ernte in den gleichen Zeitraum fallen.


Weil über Wiesenweihen kaum etwas bekannt ist, haben die Vogelschützer aus der Region zusammen mit der Vogelwarte Helgoland ein Forschungsprojekt begonnen. Sie wollen die Flugrouten der Wiesenweihen erforschen, ihre Lebensweise und ihr Fressverhalten. "Wiesenweihen sind in Brandenburg bekannt, sind aber eigentlich keine einheimischen Vögel", sagt Detlef Malchow. Sie kommen nur zum Nisten, bleiben von Mai bis August und machen sich dann wieder auf dem Weg nach Afrika südlich der Sahara. "Bei uns ernähren sie sich von Mäusen, dort von Heuschrecken", so der Ornithologe.

Weil Wiesenweihen keine ausdauernden Flieger sind, können sie keine lange Distanz übers Meer nehmen. Ein Teil der Vögel wie Klaus-Dieter nimmt die Westroute über Österreich, Schweiz, Frankreich, Gibraltar und Algerien nach Mauretanien. Der andere Teil wie Hanna-Luise fliegt über den östlichen Mittelmeerraum. In Afrika kommen sie wieder zusammen und leben gesellig, so Malchow. Unklar sei, warum die Vögel unterschiedliche Flugrouten wählen. Die größte Gefahr lauere in Südeuropa wie Jugoslawien, Italien und Malta, wo sie als lebende Zielscheiben vom Himmel geschossen werden. "Wir schützen sie hier mit großem Aufwand und dort werden sie aus Spaß getötet", beschreibt Malchow das Dilemma.

Ehrenamtliche Vogelschützer wie Detlef Malchow aus Bad Freienwalde oder Klaus-Dieter Gierach aus Frankfurt (Oder), der einem der beiden Vögel den Namen gab, versuchen die Nester der Vögel zu schützen, indem sie sich mit den Landwirten einigen. Ein Landwirt erlaubte ihm, Nester auf seinem Feld einzuzäunen. Zum Dank wurde die zweite Weihe nach seinen Enkelinnen Hanna und Luisa benannt.